Oslo-Methode auch Kettenrettung genannt

Oslo-Methode: Kettenrettung bei schweren Verkehrsunfällen

Bei schweren Verkehrsunfällen zählt häufig jede Minute. Ist eine Person in einem stark deformierten Fahrzeug eingeklemmt, müssen Feuerwehr und Rettungsdienst schnell zusätzlichen Raum für die medizinische Versorgung und die anschließende Rettung schaffen.

Eine besondere Möglichkeit der technischen Unfallrettung ist die sogenannte Oslo-Methode. Sie wird auch als Kettenrettung oder Kettenzugmethode bezeichnet. Dabei werden deformierte Fahrzeugbereiche mithilfe geeigneter Ketten, Anschlagmittel und einer maschinellen Zugeinrichtung kontrolliert auseinandergezogen.

Die Methode stammt aus dem skandinavischen Raum und wird inzwischen auch von deutschen Feuerwehren als ergänzende Rettungstechnik ausgebildet. Besonders bei zeitkritischen Einsatzlagen kann sie eine Alternative zu klassischen Rettungstechniken mit Spreizer, Schere und Rettungszylinder darstellen.

Was ist die Oslo-Methode?

Die Oslo-Methode ist eine spezielle Technik zur Befreiung eingeklemmter Personen aus verunfallten Pkw oder Lkw. Ziel ist es, stark verformte Fahrzeugstrukturen durch einen kontrollierten Zug wieder in Richtung ihrer ursprünglichen Position zu bewegen.

Hierzu wird das Unfallfahrzeug mit dafür geeigneten Ketten und Anschlagmitteln verbunden. Eine maschinelle Zugeinrichtung, beispielsweise eine fest eingebaute Seilwinde, erzeugt anschließend die erforderliche Zugkraft.

Dadurch kann im Fahrzeuginnenraum zusätzlicher Platz entstehen – beispielsweise im Bereich des Armaturenbretts, des Fußraums oder der Fahrerkabine. Die Hessische Landesfeuerwehrschule führt die Kettenrettung insbesondere als mögliche Technik im Rahmen einer Sofortrettung auf. Voraussetzung sind eine entsprechende Ausbildung und geeignete Ausrüstung. Ausbildungsunterlage der Hessischen Landesfeuerwehrschule

Wann kann die Kettenrettung eingesetzt werden?

Die Oslo-Methode kommt vor allem bei stark deformierten Fahrzeugen infrage. Typische Einsatzsituationen können sein:

  • schwere Frontalzusammenstöße
  • stark eingedrückte Fahrgastzellen
  • eingeklemmte Beine im Fußraum
  • deformierte Armaturenbereiche
  • schwere Unfälle mit Lkw-Fahrerkabinen
  • zeitkritische Sofortrettungen

Ob die Kettenrettung angewendet werden kann, hängt jedoch immer von der konkreten Unfallsituation ab. Fahrzeuglage, Anschlagmöglichkeiten, verfügbare Aufstellflächen, medizinischer Zustand des Patienten und vorhandene Einsatzmittel müssen gemeinsam bewertet werden.

Die Oslo-Methode ist deshalb keine Standardlösung für jeden Verkehrsunfall, sondern eine zusätzliche taktische Möglichkeit.

Wie funktioniert die Oslo-Methode?

Bei der Kettenrettung wird zunächst ein kontrolliertes Zugsystem aufgebaut. Das verunfallte Fahrzeug wird gesichert und mit geeigneten Anschlagmitteln verbunden. Weitere Ketten werden an den dafür vorgesehenen und zuvor bewerteten Bereichen der Fahrzeugkarosserie angeschlagen.

Anschließend wird die Zugkraft kontrolliert aufgebaut. Durch das Ziehen können verformte Karosserieteile auseinanderbewegt und größere Rettungsöffnungen geschaffen werden.

Während des gesamten Vorgangs müssen der Patient, das Fahrzeug, die Anschlagpunkte und die eingesetzten Rettungsmittel kontinuierlich beobachtet werden. Die medizinische Betreuung und der Schutz der eingeklemmten Person haben dabei höchste Priorität.

Eine konkrete Anwendung darf ausschließlich durch entsprechend ausgebildete Einsatzkräfte erfolgen. Die Kettenrettung muss regelmäßig mit der tatsächlich vorhandenen Ausrüstung geübt werden.

Welche Ausrüstung wird benötigt?

Abhängig vom Rettungskonzept können unter anderem folgende Einsatzmittel erforderlich sein:

  • Fahrzeug mit maschineller Zugeinrichtung oder Seilwinde
  • geeignete und ausreichend dimensionierte Zugketten
  • zugelassene Schlinghaken
  • Rundschlingen und weitere Anschlagmittel
  • Schäkel mit ausreichender Belastbarkeit
  • Material zur Fahrzeugstabilisierung
  • hydraulische Rettungsgeräte
  • Schutzdecken und Abdeckmaterial
  • persönliche Schutzausrüstung einschließlich Augen- und Gesichtsschutz

Ketten, Schäkel und textile Anschlagmittel müssen für die auftretenden Belastungen geeignet sein. Improvisierte oder nicht eindeutig dimensionierte Anschlagmittel dürfen nicht verwendet werden.

Vorteile der Oslo-Methode

Bei geeigneten Einsatzlagen kann die Kettenrettung mehrere Vorteile bieten:

  • schneller Aufbau großer Rettungsräume
  • kontrolliertes Auseinanderziehen deformierter Fahrzeugbereiche
  • Entlastung des Fuß- und Beinraums
  • Einsatz bei stark gestauchten Fahrzeugfronten
  • Ergänzung zu hydraulischen Rettungsgeräten
  • mögliche Zeitersparnis bei einer Sofortrettung
  • Anwendungsmöglichkeiten bei Pkw und Lkw

Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass größere Fahrzeugbereiche gleichzeitig bewegt werden können. Dadurch kann schneller ausreichend Platz für die Patientenrettung entstehen.

Risiken und Grenzen der Kettenrettung

Bei der Oslo-Methode wirken erhebliche Zugkräfte auf Ketten, Anschlagmittel und Fahrzeugstrukturen. Daraus entstehen besondere Gefahren:

  • Abrutschen oder Versagen eines Anschlagpunktes
  • unkontrollierte Bewegung von Fahrzeugteilen
  • Reißen oder Zurückschnellen von Anschlagmitteln
  • Veränderung der Fahrzeugstabilität
  • zusätzliche Belastung des Patienten
  • Gefährdung durch Glas, scharfe Kanten und Karosserieteile
  • Gefahren durch Airbags, Hochvoltsysteme und alternative Antriebe

Gefahrenbereiche müssen deshalb eindeutig festgelegt und von nicht benötigten Einsatzkräften freigehalten werden. Die Zugkraft darf nur kontrolliert und nach klarer Kommunikation aufgebaut werden.

Auch der Ausbildungsanbieter Weber Rescue Systems bezeichnet die Kettenrettung ausdrücklich als alternative Rettungsmethode, die vor einer Anwendung intensiv geübt werden muss. Weber Rescue Systems

Kettenrettung oder hydraulische Rettungsgeräte?

Die Oslo-Methode ersetzt weder Rettungsschere noch Spreizer oder Rettungszylinder. Vielmehr ergänzt sie die vorhandenen Möglichkeiten der technischen Hilfeleistung.

Hydraulische RettungKettenrettung
Gezieltes Schneiden, Spreizen und DrückenKontrolliertes Ziehen größerer Fahrzeugbereiche
Bei vielen Einsatzlagen bewährtes StandardverfahrenZusätzliche Technik für geeignete Sonderlagen
Präzise Bearbeitung einzelner FahrzeugteileGleichzeitige Bewegung größerer Strukturen
Benötigt vergleichsweise wenig AufstellflächeBenötigt ausreichend Raum für Zugfahrzeug und Sicherheit
Bestandteil der regulären THL-AusbildungZusätzliche intensive Ausbildung erforderlich

In der Praxis können beide Verfahren miteinander kombiniert werden. Welche Methode gewählt wird, entscheidet die Einsatzleitung anhand der Fahrzeugdeformation, des Patientenzustands und der verfügbaren Rettungsmittel.

Ausbildung ist unverzichtbar

Die Oslo-Methode darf nicht allein anhand von Bildern, Videos oder Beschreibungen nachgeahmt werden. Eine sichere Anwendung erfordert Kenntnisse über:

  • auftretende Zugkräfte
  • geeignete Anschlagpunkte
  • Belastbarkeit der Anschlagmittel
  • Stabilisierung des Unfallfahrzeugs
  • Gefahren- und Sicherheitsbereiche
  • moderne Fahrzeugkonstruktionen
  • Hochvolttechnik und Sicherheitssysteme
  • patientenorientierte Unfallrettung
  • klare Kommunikation innerhalb der Mannschaft

Feuerwehren, die die Kettenrettung in ihr Einsatzkonzept aufnehmen möchten, sollten das Verfahren unter fachkundiger Anleitung ausbilden und regelmäßig praktisch trainieren.

Häufig gestellte Fragen

Ist die Oslo-Methode dasselbe wie die Kettenrettung?

Ja. Die Begriffe Oslo-Methode, Kettenrettung und Kettenzugmethode werden bei der technischen Unfallrettung häufig für dasselbe Grundverfahren verwendet.

Warum heißt das Verfahren Oslo-Methode?

Die Bezeichnung verweist auf den skandinavischen Ursprung beziehungsweise die dortige Weiterentwicklung und Verbreitung der Rettungstechnik.

Kann die Oslo-Methode bei jedem Verkehrsunfall eingesetzt werden?

Nein. Die Methode eignet sich nur für bestimmte Unfalllagen. Unter anderem müssen geeignete Anschlagmöglichkeiten, ausreichend Aufstellfläche und speziell ausgebildete Einsatzkräfte vorhanden sein.

Funktioniert die Kettenrettung auch bei Lkw-Unfällen?

Grundsätzlich kann die Methode auch bei deformierten Lkw-Fahrerkabinen eingesetzt werden. Aufgrund der größeren Massen und Kräfte ist hierfür jedoch eine besonders umfassende Ausbildung notwendig.

Ersetzt die Kettenrettung Schere und Spreizer?

Nein. Die Oslo-Methode ergänzt hydraulische Rettungsgeräte, ersetzt diese aber nicht. Häufig werden mehrere Rettungstechniken miteinander kombiniert.